Messunsicherheit
Das Thema Messunsicherheit ist
eine Wissenschaft für sich und füllt ganze Bücher. In diesem
Kapitel wird deshalb auf die theoretische Betrachtung
verzichtet. Im Folgenden wird das Thema von der praktischen
Seite betrachtet, als Hilfe für all diejenigen, die verstehen
wollen, was Messunsicherheit ist und wie sie mit
Temperaturkalibrierung zusammenhängt.
Definition
Der Brockhaus definiert die
Messunsicherheit über den Begriff der Genauigkeit: „In der Messtechnik wird die Genauigkeit eines Messergebnisses
durch die Auswirkung der zufälligen und systematischen
Abweichung auf das Messergebnis beeinträchtigt. Sie wird
quantitativ bestimmt durch die Fehlergrenze und die
Messunsicherheit, die sich durch den „Vertrauensbereich“ (Konfidenzschätzung)
eines Mittelwertes aus mehreren Einzelmessungen charakterisieren
lässt.“ [1]
Die Messunsicherheit legt
faktisch ein Intervall fest, also einen „Werte-Streubereich“, in
dem der „wahre“ Wert liegt.
Die Messunsicherheit hat eine besondere
Bedeutung für die Qualitätssicherung in der Messtechnik, da sie
Informationen über die Zuverlässigkeit und die Qualität des
Messergebnisses liefert.
Ein Beispiel
Die Temperatur des Wassers im
Thermostat beträgt 20°C, die Messunsicherheit wird geschätzt mit
± 0,5°C. Das heißt, dass das Messergebnis unter den Bedingungen
der Messung innerhalb des bestimmten Werteintervalls liegt.
Unterschied zwischen
Messunsicherheit und Fehler
Ein Kalibrierzertifikat für ein
Handmessgerät dokumentiert:
|
gemessene Temperatur
|
angezeigten
Wert |
Fehler |
Messunsicherheit |
| 100,000°C |
101,0 |
1°C |
2 K |
Der Fehler kann korrigiert
werden, aber die Messunsicherheit gibt einen Bereich an. Das
heißt, wenn das Thermometer 101°C anzeigt, kann der Fehler
abgezogen werden und man stellt dann fest, dass die Temperatur
100°C (101°C minus 1°C) beträgt. Sie liegt in dem
Temperaturbereich zwischen 98°C und 102°C.
Messunsicherheit eines ITS-90
Fixpunktes
Auch ITS-90 Fixpunkte
haben eine Messunsicherheit. In die Messunsicherheit gehen
Faktoren, wie die Reinheit des Metalls, der Druck und
„hydrostatische Druckeffekte“ ein. Des Weiteren die
Messunsicherheit des Thermometers und des Anzeigegerätes. All
diese Quellen der Messunsicherheit müssen berücksichtigt und
zusammengefasst werden.
Die statistische Verteilung der
Messunsicherheitsanteile kann variieren. Um eine kombinierte
Messunsicherheit zu erhalten, ist Folgendes zu tun: Zunächst
müssen die Messunsicherheits-Quellen identifiziert und deren
Ausmaß bestimmt werden. Nachdem alle Angaben in einem
gewöhnlichen Bericht festgehalten wurden, können die einzelnen
Messunsicherheiten kombiniert werden.
Ein Beispiel für die
Messunsicherheit einer Metallblock-Vergleichskalibrierung
Die Gesamt-Messunsicherheit bei
einer Kalibrierung von Metallblockkalibratoren setzt sich
zusammen aus den Temperaturunterschieden im Block und der
Messunsicherheit des Referenzthermometers und der des zu
kalibrierenden Thermometers. Zur Berechnung der Messunsicherheit
ist es empfehlenswert eine Richtlinie zu verwenden, die angibt,
was alles für eine Kalkulation von Messunsicherheiten zu
berücksichtigen ist. Bei einer Kalibrierung von
Metallblockkalibratoren wäre das beispielsweise das Dokument EA
10-13 – „Guidance Document for Accreditation Bodies“. Die EA ist
die Europäische Gesellschaft für Akkreditierung, die mit solchen
Richtlinien versucht, Kalibrierungen zu vereinheitlichen. In dem
Dokument werden Messunsicherheitsbeiträge für Blockkalibratoren,
wie z. B. axiale und radiale Homogenität, die
Temperaturstabilität mit der Zeit, Beladungsfehler, Hysteresen
und die Messunsicherheit des Referenzthermometers beschrieben.

Axiale Homogenität – oder das
vertikale Temperaturprofil
Für Blockkalibratoren ist dies
üblicherweise die größte individuelle Fehlerquelle. Alle
Metallblöcke haben ein vertikales Profil, einige sind besser als
andere. Das ist von großer Bedeutung, wenn man unterschiedliche
Temperaturfühler kalibriert, z. B. ein Thermoelement gegen ein
Widerstandsthermometer. Das Widerstandsthermometer integriert
das Temperaturprofil über seine temperaturempfindliche
Sensorlänge. Das Thermoelement nimmt jedoch eine Punktmessung am
Boden des Blocks vor. Durch die Verwendung von Temperaturfühlern
gleicher Bauart, z. B. zwei Widerstandsthermometer der gleichen
Abmessung, ergeben sich im Metallblock kleinere
Messunsicherheiten, da beide Temperaturfühler unter den gleichen
Bedingungen kalibriert werden, wie z. B. das Temperaturprofil
und die Wärmeableitung.

Radiale Homogenität – oder das
horizontale Temperaturprofil
Dieser Messunsicherheitswert ist
üblicherweise kleiner als der des axialen Profils. Durch den
Austausch zweier Thermometer in den beiden Bohrungen des Blocks,
ist es möglich, die Temperaturdifferenz zu eliminieren. Folgende
Formel wird dafür benutzt:
Dt = ½ [(TA1 – TA2) + (TB1
– TB2)]
TA1 ist Thermometer A in
Bohrung 1
TA2 ist Thermometer A in
Bohrung 2
TB1 ist Thermometer B in
Bohrung 1
TB2 ist Thermometer B in
Bohrung 2

Beladungseffekt
Befinden sich mehrere
Temperaturfühler in einem Metallblock, tritt ein
„Beladungseffekt“ auf. Es sei denn, es wird ein separater
Referenzfühler zur Darstellung der Blocktemperatur verwendet.
Der „Beladungseffekt“ ist dann ein weiterer Effekt, der in dem
Messunsicherheitsbudget aufgeführt werden muss.
Stabilität
Die Stabilität bzw. die
Veränderung der Temperatur mit der Zeit ist ein weiterer Faktor,
der berücksichtigt werden muss, wenn man die Messunsicherheit
des Systems berechnet.
Referenzthermometer
Das Verhalten des
Referenzthermometers sollte nicht außer Acht gelassen werden.
Üblicherweise kann die Messunsicherheit des Referenzthermometers
direkt aus dem Kalibrierzertifikat entnommen werden.
Hysterese
Hysterese ist die Veränderung
der Messungen zwischen einem Aufheizen und Abkühlen. Auch dieser
Faktor muss in dem Messunsicherheitsbudget berücksichtigt
werden.
Zusammenführung
Wenn alle Messunsicherheits-Quellen
bekannt sind, diese Parameter ausgewertet und errechnet wurden,
werden alle Werte in einem Messunsicherheitsbudget
zusammengetragen. Die Werte werden zusammengeführt, indem man
die Summe der Quadratwurzel bildet. Die nachfolgende Tabelle
zeigt ein typisches Messunsicherheitsbudget, das einem
Untersuchungsbericht eines Metallblockkalibrators entnommen
wurde.

1 Brockhaus - Die Enzyklopädie,
20., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Band 8, F.A.
Brockhaus, Leipzig - Mannheim, 1997