Grundlagen
In diesem
einführenden Kapitel wird auf grundlegende Fragen zum Thema
Kalibrierung eingegangen. Es soll an dieser Stelle nur ein
kurzer Überblick über diese komplexe Materie gegeben werden, da
allzu umfangreiche Erläuterungen den Rahmen dieses Wegweisers
durch den Arbeitsbereich der Temperaturmessung sprengen würde.
Was ist Temperatur?
Der Begriff Temperatur ist ein im
Alltag viel benutztes Wort, doch was genau ist Temperatur?
Zunächst einmal muss streng zwischen der physikalischen Größe
Temperatur und dem Begriff Wärme unterschieden werden.
Viele wissenschaftliche
Erklärungen beziehen sich auf die Theorie der Kinetik. Die
Temperatur wird beschrieben als ein Maß für die
durchschnittliche Energie der ungeordneten Bewegung von
Molekülen aus denen ein Körper besteht.
Aus dieser Überlegung folgt der
Gedanke, dass es eine minimale erreichbare Temperatur geben
muss. Diese Temperatur herrscht dann vor, wenn die molekulare
Energie am geringsten ist. Diese „niedrigste“ Temperatur liegt
bei „absolut 0 Grad“ und wird in den Gesetzen der Thermodynamik
aufgegriffen. (Auf den 0. Hauptsatz der Thermodynamik wird im
Kapitel „Die Zwei Methoden der Kalibrierung“ näher eingegangen.)
Die Gesetzmäßigkeiten eines
idealen Gases wurden von Wissenschaftlern und Physikern
verwendet, um die „Kelvin Thermodynamic Temperature Scale“
(KTTS) zu beschreiben. Diese Gasgesetze definieren das
Verhältnis zwischen Druck und Volumen eines Gases.
Ein ideales Gas verhält sich
folgendermaßen:
PV = NkT
P
= Druck von Gas
V
= Volumen von Gas
N
= Anzahl der Moleküle des Gases
k
=
Bolzmannsche Konstante (1,3807 x 10 – 23 J/K)
T
= thermodynamische Temperatur
Das folgende Bild zeigt eine
vereinfachte Skizze eines Gasthermometers:

Im flüssig-festen
Gleichgewichtszustand des Wassers (Eispunkt) und unter
atmosphärischem Druck herrscht eine Temperatur von 273,15 K.
An dem zylindrischen Kolben, der
ein konstantes Volumen vorgibt, ist ein U-Rohrmanometer
angeschlossen. Auf der anderen Seite des U-Manometers befindet
sich ein Quecksilberreservoir mit einem Kolben zur Einstellung
der Quecksilberhöhe. Der, sich in der Graphik links befindende,
Kolben und die daran angeschlossene Röhre enthalten ein ideales
Gas. Das Volumen des idealen Gases ist konstant. Wird nun dieser
Gaskolben erhitzt, dehnt sich das Gas aus und die
Quecksilberhöhe im Manometer steigt an. Mit dieser Vorrichtung
kann also anhand physikalischer Begebenheiten ein
Temperaturunterschied gemessen werden. Die Verwendung solch
eines Gasthermometers, aber auch anderer, vereinfachter
Messverfahren zur Bestimmung thermodynamischer Temperaturen, ist
jedoch nicht sehr genau.
Dieser Entwurf des
Gasthermometers wurde verwendet, um daran angeknüpft die „
Kelvin Thermodynamic Temperature Scale“ zu entwickeln. Die
weitaus praktischere „Internationale Temperaturskala“ wurde
später von dieser thermodynamischen Temperaturskala abgeleitet.
Die derzeit gültige Skala ist die Internationale Temperaturskala
von 1990, die so genannte ITS-90. Die Skala basiert auf
physikalischen Naturkonstanten. Das sind gegebene
Gleichgewichtszustände der reinen Substanzen. So genannte fixe
Temperaturen oder Fixpunkte können von diesen abgeleitet werden.
Näheres über Fixpunkte ist in dem Kapitel „Die Zwei Methoden der
Kalibrierung“ zu lesen.
Warum unterscheidet sich die
Messung der Temperatur von der Messung anderer Parameter?
Die Messung der Temperatur
unterscheidet sich von Messungen anderer Parameter, da sie zum
Beispiel nicht einfach addiert werden kann, wie bei Gewichten.
Werden einer Masse von 3 kg weitere 2 kg hinzugeführt, ergibt
sich eine Gesamtmasse von 5 kg. Die Temperatur verhält sich
anders. Schüttet man zwei Tassen mit 40 °C warmen Kaffee
zusammen, ergibt es zwar die doppelte Menge aber keinen 80 °C
warmen Kaffee.
Mit der Thematik der
Temperaturmessung bzw. der Messtechnik setzt sich die Metrologie
auseinander. Um Temperaturen messen zu können, werden
Hilfsmittel benötigt, wie z.B. ein Quecksilberthermometer, bei
dem die Veränderung der Quecksilbersäule gemessen wird. Oder es
können elektrische Thermometer verwendet werden, bei denen die
Änderung des elektrischen Widerstandes in Abhängigkeit von der
Temperaturänderung gemessen wird. Es kann also niemals „die
Temperatur“ direkt gemessen werden, sie muss immer anhand
anderer, vor allem messbarer, Parameter abgeleitet werden.
Was macht die Kalibrierung von
Thermometern notwendig?
Es gibt einen verallgemeinernden
Ausspruch, der aber auf sehr prägnante Art und Weise die Frage
kurz und knapp beantwortet.
„Grundsätzlich
zeigen alle Thermometer falsche Werte an.“
Es müssen demnach alle
Thermometer kalibriert werden, um herauszufinden, wie falsch sie
messen.
Kein Thermometer ist konstant.
Thermometer und Sensoren, wie beispielsweise Quecksilber-
Thermometer, Thermoelemente, Thermistoren und
Widerstands-Thermometer ändern mit der Zeit und unter
Temperatureinfluss stetig ihre Charakteristik. Des Weiteren
können Thermometer bei ihrer Anwendung kontaminiert werden.
Aufgrund von Qualitätsstandards
ist im Laufe der Zeit die Notwendigkeit der Kalibrierung
entstanden. Zum einen wurde sie für den Zweck von vergleichbaren
Produktionen eingeführt, aber auch, um beispielsweise in
medizinischen und anderen Bereichen Leben zu schützen.
Kalibrierungen können zudem die Effizienz steigern. Wenn die
Charakteristik eines Thermometers bekannt ist, können Messwerte
viel stärker eingegrenzt und damit Kosten gespart werden. Die
Nachfrage nach kalibrierten Temperaturfühlern hat in den letzten
Jahren zugenommen.
Was bedeutet Rückführbarkeit?
Das internationale Wörterbuch
der Metrologie definiert Rückführbarkeit als „die Eigenschaft
eines Messergebnisses oder des Wertes eines Normals, durch eine
ununterbrochene Kette von Vergleichsmessungen mit angegebenen
Messunsicherheiten auf geeignete Normale, im allgemeinen
Internationale oder Nationale Normale, bezogen zu sein“.
Die Pyramide der Rückführbarkeit
Die im Folgenden dargestellte
Pyramide stellt die Hierarchie der Rückführbarkeit dar. An der
Spitze steht das Primärlabor, oftmals das nationale Labor, das
mit Temperatur-Normalen arbeitet, welche die ITS-90 definiert.
Darunter stehen die Sekundärlabore. Die Normale, die diese
Labore benutzen, sind rückführbar auf die ITS-90, da deren
Fixpunkte und SPRT´s regelmäßig von einem Primärlabor kalibriert
werden. Unter dem Sekundärlabor stehen die industriellen Labore
sowie die industriellen Nutzer. Die in der Industrie verwendeten
Normale und dazugehörigen Geräte werden mit den Normalen der
Sekundärlabore verglichen. Durch das kontinuierliche Vergleichen
der Thermometer untereinander können die in der Industrie
eingesetzten Thermometer (Basis der Pyramide) bis hin zu den
Temperatur-Normalen der Primärlabore (Spitze der Pyramide)
rückgeführt werden.

Ein digitales Handthermometer
mit einem Typ K Thermoelement wird beispielsweise in einer
Service-Werkstatt in einem Metallblockkalibrator kalibriert. Der
Metallblockkalibrator wurde zuvor in einem akktreditierten
Sekundärlabor mit einem industriellen
Platinwiderstandsthermometer (IPRT) kalibriert. Dieses IPRT
wurde gegen ein Normal-Platinwiderstandsthermometer (SPRT)
kalibriert, welches in einem Primärlabor in Fixpunktzellen
kalibriert wurde. So ist das Typ K Thermoelement mit dem
digitalen Handthermometer durch eine „ununterbrochene Kette von
Vergleichen“ rückführbar auf die ITS-90.
Was sind eigentlich
Temperatur-Normale?
Im Bereich von -189°C bis 962°C
wird die ITS-90 über 9 Fixpunkte definiert. Die definierenden
Fixpunkte sind thermodynamische Gleichgewichtszustände während
der Phasenübergänge reiner Substanzen (Schmelzpunkte,
Erstarrungspunkte oder Tripelpunkte). Die
Phasen-Temperaturübergänge an den Fixpunkten werden mit
festgelegten Normalgeräten gemessen, die an den Fixpunkten
kalibriert werden. Die ITS-90 schreibt ein
Normalplatin-Widerstandsthermometer (SPRT) für diesen Zweck vor,
es wird Interpolationsgerät genannt.
Was sind akkreditierte
Kalibrierdienste?
Akkreditierte Kalibrierdienste
gibt es auf der ganzen Welt. In einer multilateralen
Vereinbarung haben sich die Kalibrierdienste der meisten Länder
zur gegenseitigen Anerkennung ihrer Kalibrierscheine
verpflichtet. Die Internationale Organisation für
Standardisierung hat mit der ISO/ IEC 17025 (früher: ISO Guide
25 & EN45001) die weltweiten Standards festgelegt und
grundsätzliche Anforderungen an die Kompetenz von Kalibrier- und
Testlabore geschaffen. Solche Vereinbarungen ermöglichen ein
internationales Zusammenarbeiten. So werden in Deutschland
akkreditierte Kalibrierlaboratorien regelmäßig vom Deutschen
Kalibrierdienst (DKD) überwacht und die DKD-Kalibrierscheine
werden weltweit als Nachweis einer rückführbaren Kalibrierung
anerkannt.
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