Fehlerquellen
Die Analyse von Fehlerquellen
stellt für einen Kalibrieringenieur stets eine Herausforderung
dar. Im Rahmen physikalischer und technischer Messungen treten
immer eine Reihe von Fehlerquellen auf, die es zu identifizieren
gilt. Denn manchmal sind die Ergebnisse einer Messung anders als
erwartet oder nicht reproduzierbar. Oder die Temperaturfühler
sind zu kurz, um kalibriert werden zu können. Die Liste von
möglichen Fehlerquellen ist sehr lang und in diesem Kapitel soll
auf die 11 häufigsten Fehlerquellen in Bezug auf die Verwendung
von Platin-Widerstandsthermometern und Thermoelementen
hingewiesen werden.
Fehlerquelle 1: Wärmeableitung
Bei
Platin-Widerstandsthermometern sind die Wärmeableitung bzw. der
Eintauchfehler die „klassischen“ Fehlerquellen. Die Bilder
zeigen ein typisches industrielles Platin-Widerstandsthermometer
(IPRT). Eine genaue Beschreibung zu den IPRT´s ist im Kapitel
über die industriellen Laboratorien nachzulesen.
Das Metallschutzrohr hat
einen Durchmesser von 6 mm. An der Spitze befindet sich das
Messelement, ein drahtgewickelter
Platin-Temperaturmesswiderstand, mit einer Länge von 15 mm.
Es stellt sich nun die Frage, wie tief solch ein
Thermometer in das zu messende System eingetaucht werden sollte,
um dessen Temperatur zu messen.
Wird die Messwiderstandslänge nur zur Hälfte
eingetaucht (oberes Bild rechts), kann nachvollzogen werden,
warum das nicht ausreicht. Angenommen die Raumtemperatur liegt
bei 20°C und das System hat 100°C. Das Thermometer würde dann
irgendeinen Wert zwischen 20°C und 100°C anzeigen.
Welche Temperatur würde
das Thermometer anzeigen, wenn es über die gesamte
Messwiderstandslänge eingetaucht wird? Leider immer noch nicht
die 100°C, da es entlang der Konstruktion, in der sich das
Thermometer befindet, zu einer Wärmeableitung kommt.
Das Thermometer muss also tiefer eingetaucht
werden, um der Wärmeableitung entgegenzuwirken bzw. den
Eintauchfehler zu verhindern. Wird das Thermometer also so tief
eingetaucht, bis ein weiteres Eintauchen des Thermometers zu
keiner Veränderung an der Temperaturanzeige mehr führt, ist es
tief genug. Es lässt sich demnach sehr einfach feststellen, ob
ein Thermometer weit genug eingetaucht ist. Es muss nur um circa
1 cm herausgezogen und beobachtet werden, ob sich die angezeigte
Temperatur verändert. Die Versuchsbedingungen sollten dabei
nicht verändert werden, damit das System homogen und isothermal
bleibt.

Fehlerquelle 2: Thermospannung
Thermospannungsfehler können
sich signifikant auswirken, besonders bei höheren Temperaturen.
Bei einem industriellen Platin-Widerstandsthermometer wird für
den Messwiderstand Platin verwendet, doch die internen Drähte
und das Kabel sind aus einem anderen Material. Wenn ein
Temperaturgradient zwischen den Verbindungen der
unterschiedlichen Metalle herrscht, wird eine Thermospannung
erzeugt. Die Thermospannung der Materialkombination von Kupfer
und Platin beträgt typischerweise 6-8 μV/°C. Bei Messgeräten,
die mit einer ungeschalteten Gleichspannungsmessung arbeiten,
erzeugt der Messstrom eine Thermospannung, die einen Fehler
verursacht. Bei einem Gerät, dass mit einem Messstrom von 1 mA
arbeitet und einem Temperaturgradienten von 1°C entlang der
Platin-/Kupferverbindung ausgesetzt wird, entsteht ein Fehler
von 0,02°C bei 500°C. Dieser Fehler kann vermieden werden, wenn
Geräte verwendet werden, die mit Wechselstrom arbeiten oder bei
denen die Polarität des Gleichstromes geschaltet wird, um dann
durch eine Mittelwertbildung die erzeugte Thermospannung zu
eliminieren.
Fehlerquelle 3:
Ansprechempfindlichkeit
Verschiedene Thermometer haben
unterschiedliche Ansprechempfindlichkeiten. Wenn zwei
Thermometer unterschiedlicher Ansprechempfindlichkeiten zusammen
in einem Kalibrierbad eingetaucht werden und dieses Bad
Temperaturschwankungen hat, dann zeigen die Thermometer, wegen
ihrer unterschiedlichen Ansprechempfindlichkeiten, verschiedene
Werte an. Die Differenz zwischen den beiden
Widerstandsthermometern wird mit der Zeit schwanken.
Fehlerquelle 4: Fehler durch
Leitungswiderstände
Der Widerstand der
Anschlussleitungen einerseits und die Verbindung des
industriellen Widerstandsthermometers und dem Messinstrument
andererseits erzeugen ebenfalls Fehler.
Die einfache Zwei-Leiter-Schaltung sollte als
Anschlussmöglichkeit vermieden werden.
Die Anschlussleitung kann nicht kompensiert
werden und damit wird das gesamte Widerstandssystem, bestehend
aus Messwiderstand und Anschlussleitung, zu einem Thermometer.

Viele industrielle Geräte verwenden einen
Drei-Leiter-Anschluss. Dabei wird eine zusätzliche Leitung (RL
2) zu einem Kontakt des Widerstandsthermometers geführt. Es
bilden sich somit zwei Messkreise, von denen einer als Referenz
genutzt wird.

In den Laborgeräten wird üblicherweise die
Vier-Leiter-Technik verwendet, welche wiederum der
Drei-Leiter-Technik vorzuziehen ist. Hierbei wird der
Spannungsabfall am Messwiderstand über die Messleitungen
gemessen. Der ermittelte Spannungsabfall ist unabhängig von den
Eigenschaften der Zuleitung.

Fehlerquelle 5: Eigenerwärmung
Der Messstrom, der durch ein
Widerstandsthermometer fließt, erzeugt zwangsläufig einige
Verlustleistung. Sie ist gleichzusetzen mit dem Strom im Quadrat
multipliziert mit dem Widerstand (I²R). Laborgeräte können
üblicherweise die Verlustleistung reduzieren, indem der Strom um
den Faktor 0,707 reduziert wird. Das ermöglicht, die
Wärmeableitung zu berechnen und dementsprechend zu kompensieren.
Zum Beispiel: Ein Thermometer zeigt 660,327°C. Der Strom wird
von 1mA auf 0,707mA reduziert. Das Thermometer zeigt nun
660,325°C. Durch die Halbierung des Messstromes wird die
Temperatur um 0,002°C geändert. Es wird angenommen, dass die
Halbierung der Leistung auch die Eigenerwärmung halbiert und
daraus folgt, dass die Gesamteigenerwärmung 0,004°C beträgt. Die
Thermometeranzeige muss bei einem Messstrom von 0 mA auf
660,323°C korrigiert werden.
Fehlerquelle 6: Ladungsfehler
Die Masse des Temperaturfühlers sollte im
Vergleich zu der Masse des Kalibrierbades geringer sein, so dass
der oder die Fühler das Kalibrierbad nicht überladen und dadurch
zu viel Wärme aus dem Bad ableiten.
Fehlerquelle 7: Thermoelemente
Thermoelemente sind die am weit
verbreitetsten Temperaturfühler. Sie sind in vielen Bereichen
einsetzbar und unterscheiden sich hinsichtlich der
Thermoelement-Typen, der Konstruktionen und der
Temperaturbereiche.

Thermoelemente sind
preisgünstig herzustellen, haben einen sehr breiten
Anwendungsbereich und sind robust. Sie produzieren eine
Thermospannung, die abhängig ist von der Temperaturdifferenz
zwischen den Verbindungen zweier unterschiedlicher Metalldrähte.
Man beachte, dass Thermoelemente keine Temperaturen, sondern
eine Temperaturdifferenz messen.

Um Temperatur messen zu
können, muss eine der Verbindungen auf einer bekannten
(Referenz-)Temperatur gehalten werden. Diese Verbindung wird
„kalte Vergleichsstelle“ genannt.
Üblicherweise liegt diese bei 0°C. Diese
Temperatur kann zum Beispiel durch ein Eis/Wasser-Gemisch
realisiert werden. Ist die Erstellung eines Eis/Wasser-Gemisches
zu aufwändig, kann die Vergleichsstelle elektrisch durch
Hinzufügen der entsprechenden Thermospannung realisiert werden.
Die bekannten Norm-Spannungsreihen sind für eine
Vergleichsstelle von 0°C in der DIN IEC 584-1 und DIN EN 60584-1
nachzulesen. Thermoelemente messen immer eine Differenz, auch
wenn man keine kalte Vergleichsstelle sehen kann. Im
dargestellten Beispiel sind die Thermoelementdrähte an sog.
thermospannungsfreie Miniaturstecker angeschlossen. Ein
physikalischer Eispunkt ist nicht vorhanden, die kalte
Vergleichsstelle wird simuliert. Dabei misst ein Sensor die
Temperatur an der Steckverbindung und kompensiert elektrisch die
durch die Temperatur entstandene Thermospannung.
Fehlerquelle 8: Homogenität
Für die Kalibrierung von
Thermoelementen ist es wichtig zu wissen, wo die Thermospannung
erzeugt wird und wie sie durch die Homogenität der
Thermoelementdrähte beeinflusst wird. Die produzierte Spannung
ist proportional zu der Temperaturdifferenz zwischen den beiden
Verbindungen. Die Thermospannung wird jedoch nicht an den
Verbindungen erzeugt, sondern in dem Teil der Drähte, der sich
im Temperaturgradienten befinden. Das Diagramm zeigt, dass die
Spannung dort erzeugt wird, wo das Thermoelement den Block
verlässt, also dort, wo der Temperaturgradient ist. Ein weiterer
Temperaturgradient ist an der kalten Vergleichsstelle. In diesem
Beispiel befindet sich die Vergleichsstelle in dem Eis/Wasser-
Gemisch.

Drähte sind manchmal zu lang. So kommt es vor,
dass die Vergleichsstelle im ungünstigsten Fall kilometerweit
vom Kalibrierlabor entfernt ist. Weist ein Draht in seinem
Verlauf verschiedene Eigenschaften auf, dann ist die ganze
Kalibrierung anzuzweifeln. Die einfachste Lösung ist es, in
solchen Fällen die Unedelmetall-Thermoelemente einfach durch
Neue zu ersetzen, in der Hoffnung, dass die neuen Drähte homogen
sind.
Fehlerquelle 9:
Normal-Thermoelemente
Kalibrierlabore benutzen in Öfen
Normal-Thermoelemente für Hochtemperatur-Kalibrierungen. Die am
besten ausgestatteten Ausführungen haben eine externe
physikalische Vergleichsstelle, die in ein Eis/Wasser-Gemisch
eingetaucht wird oder in einen automatischen
Vergleichsstellen-Thermostat eingesetzt wird. Durch diese
Konstruktion wird höchste Genauigkeit erlangt und es werden
viele Messunsicherheiten vermieden, die über die
Vergleichsstellen erzeugt würden.

Normal-Thermoelemente
werden aus Edelmetallen hergestellt, wie beispielsweise Typ R
und Typ S. Beide bestehen aus einem Platin und einem
Platin/Rhodium-Schenkel. Edelmetall-Thermoelemente haben eine
bessere Reproduzierbarkeit als andere Typen, aber die
Spannungsempfindlichkeit ist gering. Bei einer Änderung von 1°C
kommt es zu einer Veränderung von nur wenigen μV. Die
nebenstehende Tabelle zeigt die Empfindlichkeit. Um
Thermospannung zu messen, werden hohe Anforderungen an die
Messgeräte gestellt.

Fehlerquelle 10:
Unedel-Thermoelemente
Unedelmetall-Thermoelemente, wie
zum Beispiel Typ K, bei dem Nickel/Chrom- und Nickel/
Aluminium-Legierungen verwendet werden, sind preiswerter als
Edelmetall-Thermoelemente. Diese Modelle sind jedoch verglichen
mit Edelmetalltypen grundsätzlich schlechter reproduzierbar. Das
oft verwendete Thermoelement Typ K hat außerdem eine große
Hysterese, die sich mit der Temperaturrichtung bemerkbar macht.
Eine besondere
Thermoelement-Konstruktion hat das mineralisolierte
Thermoelement mit Metallmantel. Es kann üblicherweise bis 1300°C
eingesetzt werden.
Isolierte Drahtausführungen werden üblicherweise
mit PTFE, PVC, Glasfaser oder Keramik isoliert und erreichen
damit typische Temperaturbereiche von 70°C, 200°C, 350°C und
1800°C.
Fehlerquelle 11:
Thermoelement-Anschluss
Ein weiterer Fehler entsteht bei
dem Anschluss der Thermoelemente. Um Thermoelemente am Messgerät
anschließen zu können, ist es oft notwendig, Kabel zu
verlängern. Es gibt zwei Arten von Anschlusskabeln:
Ausgleichsleitung:
Als Anschlussdraht wird eine
Legierung verwendet, die ein ähnliches thermisches Verhalten
zeigt wie die entsprechenden Thermodrähte. Die Anschlussdrähte
sind preisgünstig. Es wird beispielsweise das Thermomaterial Typ
U benutzt, um Platin-Thermoelemente zu verlängern. Für
Temperaturen, die in der Nähe der Umgebungstemperatur liegen,
hat das Material der Ausgleichsleitung ähnliche Eigenschaften
wie die Thermoelemente Typ R und S. Es enthält jedoch kein
Platin und ist dadurch preisgünstiger.
Thermoleitung:
Bei Thermoleitungen werden
die selben Legierungen verwendet wie bei den Thermoelementtypen.
Diese Leitungen sind teurer. Dennoch sollten, wenn immer es
möglich ist, grundsätzlich diese Leitungen verwendet werden.
Man sollte sich für eine Art der Leitung
entscheiden, also entweder Ausgleichsleitungen oder
Thermoleitungen, um größere Fehler zu verhindern. Eine
Kalibrierung der Thermoleitungsdrähte wird empfohlen.

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